Wenn Ihr Kind in der ersten oder zweiten Klasse mehr Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben zeigt als seine Mitschüler, könnte Legasthenie die Ursache sein. Diese Lernbesonderheit betrifft etwa 3–5% aller Grundschulkinder in Deutschland und erfordert frühzeitige Erkennung und gezielte Förderung. In diesem Ratgeber erfahren Eltern, wie sie Legasthenie bei Grundschulkindern erkennen und welche effektiven Fördermaßnahmen zur Verfügung stehen.
Was ist Legasthenie bei Grundschulkindern?
Legasthenie (auch Lese-Rechtschreib-Störung oder LRS genannt) ist eine neurobiologische Besonderheit, bei der Kinder trotz normaler Intelligenz und ausreichender Beschulung erhebliche Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Schreibens haben. Die Betroffenen verarbeiten schriftsprachliche Informationen im Gehirn anders als ihre Altersgenossen.
Wichtig zu wissen: Legasthenie hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Betroffene Kinder sind oft in anderen Bereichen besonders begabt. Die Störung ist meist genetisch bedingt – wenn ein Elternteil betroffen war, besteht eine 40–60% Wahrscheinlichkeit, dass auch das Kind Legasthenie entwickelt.
Frühe Warnsignale der Legasthenie bereits im Kindergartenalter
Aufmerksame Eltern können bereits vor Schuleintritt erste Anzeichen bemerken:
- Verzögerter Spracherwerb oder eingeschränkter Wortschatz
- Schwierigkeiten beim Erkennen und Bilden von Reimen
- Probleme beim „Silbenklatschen“ und rhythmischen Sprechen
- Schwierigkeiten bei der Unterscheidung ähnlich klingender Laute
- Auffälligkeiten bei der phonologischen Bewusstheit (Lautverarbeitung)
- Probleme beim Merken von Kinderreimen oder Liedtexten
Typische Anzeichen von Legasthenie im Grundschulalter
Beim Lesen
Lesegeschwindigkeit und -fluss
- Auffallend langsames, stockendes Lesen ohne natürlichen Rhythmus
- Buchstaben werden einzeln statt als Worteinheiten gelesen
- Häufiges Verlieren der Zeile im Text
- Aktive Vermeidung von Lesesituationen und Vorleseanfragen
Leseverständnis und -fehler
- Vertauschen, Auslassen oder Hinzufügen von Buchstaben, Silben oder ganzen Wörtern
- „Erraten“ von Wörtern anhand des ersten Buchstabens oder Kontexts
- Schwierigkeiten beim Textverständnis trotz korrekt gelesener Wörter
- Probleme beim Nacherzählen von gerade Gelesenem
Beim Schreiben
Rechtschreibung
- Gleichbleibend hohe Fehlerzahl auch bei intensiv geübten Wörtern
- Inkonsistente Fehler (gleiche Wörter werden unterschiedlich falsch geschrieben)
- Erhebliche Probleme beim Abschreiben von Texten von der Tafel
- Dauerhafte Unsicherheit bei der Groß- und Kleinschreibung
- Auslassen von Buchstaben und Wortteilen
Handschrift und Schreibprozess
- Unleserliche oder sehr angestrengte Handschrift
- Verwechslung formähnlicher Buchstaben wie b/d, p/q, m/n
- Überdurchschnittlich langsames Schreibtempo
- Hoher Kraftaufwand beim Schreiben mit starkem Druck auf den Stift
Auswirkungen von Legasthenie auf den gesamten Schulalltag
Die Schwierigkeiten bleiben nicht auf den Deutschunterricht beschränkt:
- Mathematik: Probleme beim Verständnis von Textaufgaben, obwohl mathematisches Denkvermögen oft gut ist
- Fremdsprachen: Besondere Herausforderungen in Englisch durch geringe Lautgetreue
- Sachkunde/Sachunterricht: Schwierigkeiten beim selbständigen Erfassen von Texten und Aufgabenstellungen
- Prüfungssituationen: Erhöhter Zeitbedarf bei schriftlichen Arbeiten in allen Fächern
Psychosoziale und emotionale Folgen unerkannter Legasthenie
Ohne angemessene Unterstützung können sich folgende Probleme entwickeln:
- Sinkender Selbstwert und fehlendes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten
- Entwicklung von Schulangst und Schulvermeidungsverhalten
- Zunehmende Frustration und Verhaltensauffälligkeiten
- Psychosomatische Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen
- Rückzug aus sozialen Kontakten und Gruppenaktivitäten
Wichtiger Hinweis: Diese Symptome werden häufig fälschlicherweise als ADHS oder Verhaltensstörung interpretiert, während die zugrundeliegende Legasthenie unerkannt bleibt.
Wann sollten Eltern professionelle Hilfe bei Verdacht auf Legasthenie suchen?
Suchen Sie fachkundige Beratung, wenn:
- Ihr Kind nach mehr als drei Monaten intensiven Übens keine erkennbaren Fortschritte zeigt
- In Ihrer Familie bereits Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten bekannt sind
- Ihr Kind zunehmend Unlust oder Angst vor der Schule entwickelt
- Die Hausaufgaben regelmäßig zu belastenden Konflikten führen
- Die Diskrepanz zwischen mündlichen Leistungen und schriftlichen Ergebnissen auffällig groß ist
- Ihr Kind über Kopf- oder Bauchschmerzen klagt, besonders an Schultagen mit Diktaten oder Lesestunden
Der Weg zur professionellen Legasthenie-Diagnose
Erste Schritte für Eltern
- Dokumentiertes Gespräch mit der Klassenlehrkraft über Ihre Beobachtungen
- Ausschluss von Seh- oder Hörproblemen durch medizinische Untersuchung
- Kontaktaufnahme mit spezialisierten Beratungsstellen (Schulpsychologie, Erziehungsberatung)
Professionelle Diagnostik
Eine fundierte Legasthenie-Diagnose kann meist erst ab der zweiten Klasse gestellt werden und erfolgt durch:
- Kinder- und Jugendpsychiater
- Spezialisierte klinische Psychologen
- Qualifizierte Lerntherapeuten mit diagnostischer Zusatzausbildung
Die umfassende Diagnostik beinhaltet:
- Standardisierte Tests für Lese- und Rechtschreibfähigkeiten (z.B. SLRT-II, HSP)
- Intelligenzdiagnostik zum Ausschluss einer allgemeinen Lernbehinderung
- Überprüfung der phonologischen Bewusstheit und Arbeitsgedächtnisleistung
- Ausführliche Anamnese zur Entwicklungs- und Lerngeschichte
Effektive Fördermaßnahmen bei diagnostizierter Legasthenie
Außerschulische Therapie und Förderung
Eine qualifizierte Lerntherapie bildet oft das Kernstück der Förderung und sollte:
- Individuell auf die spezifischen Schwierigkeiten des Kindes abgestimmt sein
- Systematisch an den phonologischen Grundlagen ansetzen
- Regelmäßig (1–2× wöchentlich) und über längeren Zeitraum (mind. 1–2 Jahre) erfolgen
- Multisensorische Lernansätze integrieren (gleichzeitiges Sehen, Hören, Fühlen)
- Motivierende Elemente und Erfolgserlebnisse einbauen
Bewährte Förderprogramme sind:
- Kieler Leseaufbau/Rechtschreibaufbau
- Marburger Rechtschreibtraining
- Lautgetreue Lese-Rechtschreibförderung nach Reuter-Liehr
Schulische Unterstützung und Nachteilsausgleich
Mit einer bestätigten Diagnose können Eltern einen Nachteilsausgleich beantragen:
- Zeitverlängerung bei schriftlichen Arbeiten (meist 25–50%)
- Alternative Prüfungsformen (z.B. mündliche statt schriftliche Leistungsnachweise)
- Verwendung von unterstützenden Hilfsmitteln (Lesehilfen, Laptop, Wörterbuch)
- Angepasste Bewertung der Rechtschreibleistung (in einigen Bundesländern möglich)
Kostenübernahme für Therapie und Förderung
- Therapiekosten werden nicht von den Krankenkassen übernommen
- In bestimmten Fällen ist eine Kostenübernahme durch das Jugendamt möglich (Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII)
- Voraussetzung: Nachweis einer drohenden seelischen Behinderung durch die Legasthenie
- Einige Bundesländer bieten kostenlose schulische Förderprogramme an
Was Eltern zu Hause tun können: Praktische Unterstützungsstrategien
Tägliche Unterstützung
- Geduld und Verständnis zeigen – Ihr Kind strengt sich an!
- Regelmäßiges gemeinsames Lesen mit verteilten Rollen
- Würdigung auch kleiner Fortschritte durch spezifisches Lob
- Vermeidung von unnötigem Druck und stressvollen Übungssituationen
- Stärkenorientierung: Förderung der Bereiche, in denen Ihr Kind besonders gut ist
Effektive häusliche Übungsmethoden
- Kurze, regelmäßige Übungseinheiten (max. 15–20 Minuten täglich)
- Lautgetreues Syllabieren (deutliches Mitsprechen beim Schreiben)
- Verwendung von Silbenbögen zur visuellen Strukturierung
- Einsatz von altersgerechter Lernsoftware mit Sprachausgabe
- Lesetraining mit Hörbuchunterstützung (gleichzeitiges Hören und Mitlesen)
Legasthenie verstehen: Fakten statt Mythen
| Mythos | Fakten |
|---|---|
| „Legasthenie verwächst sich von selbst“ | Ohne gezielte Förderung bleiben die Schwierigkeiten bestehen |
| „Legastheniker sind weniger intelligent“ | Intelligenz und Legasthenie stehen in keinem Zusammenhang |
| „Mehr Üben löst das Problem“ | Traditionelles Üben ohne spezielle Methodik verstärkt oft nur die Frustration |
| „Legasthenie betrifft nur Jungen“ | Auch Mädchen sind betroffen, werden aber häufig später oder gar nicht diagnostiziert |
| „Legasthenie ist eine Krankheit“ | Legasthenie ist eine neurobiologische Besonderheit, keine Krankheit |
Positive Perspektiven: Die besonderen Stärken legasthener Kinder
Legasthenie bringt oft besondere Begabungen mit sich. Viele Betroffene zeigen:
- Überdurchschnittliche Kreativität und innovatives Denken
- Ausgeprägtes räumliches und dreidimensionales Vorstellungsvermögen
- Starke Problemlösungsfähigkeiten und ganzheitliches Denken
- Besondere Empathie und soziale Kompetenzen
- Ausgezeichnete mündliche Ausdrucksfähigkeit
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Legasthenie
Ist Legasthenie heilbar?
Legasthenie ist keine Krankheit, sondern eine lebenslange Besonderheit in der Informationsverarbeitung. Mit gezielter Förderung können die Symptome jedoch deutlich verbessert werden, sodass Betroffene im Alltag kaum noch beeinträchtigt sind.
Kann ein Kind mit Legasthenie das Gymnasium besuchen?
Absolut. Mit entsprechender Förderung und Nachteilsausgleich können legasthene Kinder jeden Bildungsweg erfolgreich meistern. Viele Legastheniker studieren später und erreichen höchste akademische Grade.
Sollte mein Kind die Klasse wiederholen, wenn es wegen Legasthenie schlechte Noten hat?
Eine Klassenwiederholung allein löst die Legasthenie nicht und ist ohne begleitende Fördermaßnahmen meist nicht sinnvoll. Wichtiger ist eine gezielte Unterstützung und die Beantragung eines Nachteilsausgleichs.
Fazit: Mit Verständnis und Unterstützung zum Erfolg
Legasthenie stellt für betroffene Grundschulkinder eine erhebliche Herausforderung dar, ist aber mit frühzeitiger Erkennung und gezielter Förderung gut zu bewältigen. Als Eltern sind Sie der wichtigste Unterstützer Ihres Kindes auf diesem Weg.
Handeln Sie bei ersten Anzeichen. Eine frühzeitige Diagnose und zeitnahe Förderung kann Ihrem Kind viel Frustration ersparen und ihm zu einem gesunden Selbstwertgefühl verhelfen. Mit der richtigen Unterstützung, professioneller Hilfe und einem verständnisvollen Umfeld kann Ihr Kind seine Schwierigkeiten überwinden und seine einzigartigen Stärken entfalten.
Weiterführende Informationen und Unterstützung
- Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V.: www.bvl-legasthenie.de
- Erste-Hilfe-Hotline für Eltern: 0228-38755054 (Di/Mi 10–12 Uhr, Di 18–20 Uhr)
- Legasthenie-Selbsthilfegruppen: Informationen zu lokalen Elterngruppen finden Sie bei Ihrer Erziehungsberatungsstelle
- Schulpsychologischer Dienst: Kontakt über die jeweilige Schule oder das Schulamt

